Polarisierend: Der Wolf im Landkreis Oldenburg

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Brigitte und Benno Voigt sahen den Wolf aus nächster Nähe und schossen ein Foto. Kommentar: Ein fantastischer Moment beim Spaziergang mit dem eigenen Hund

 

 

Der Mensch und der Wolf. Eine polarisierende Geschichte, ein Verhältnis das über  Jahrhunderte die Menschen aber auch das Tier in Atem hielt und jetzt mit der Rückkehr des Wolfes auch im Landkreis Oldenburg neuen Nährstoff erhielt. Das Wildtier wandert in seinen einst angestammten Lebensraum zurück. Dabei ruft es die unterschiedlichsten Reaktionen und Emotionen bei uns Menschen hervor. Oft ist dieses mangelnder Aufklärung und unzureichenden Öffentlichkeitsarbeit geschuldet.

Dem versuchte jetzt der Landkreis Oldenburg mit einer Informationsveranstaltung im Kreishaus an der Delmenhorster Straße in Wildeshausen zu begegnen. An die 250 Interessierte lockte das Thema Wolf an.

 

 

 

Folgende Referenten bzw. Diskussionsteilnehmer schilderten nach der Begrüßung durch Landrat Carten Harings zunächst in Positonen und Fachvorträgen ihre Meinung und ihr Fachwissen. Die Moderation lag in den Händen von Stefan Löchtefeld, e-fect dialog evaluation consulting eG Oldenburg.

 

  • „Einschätzung der aktuellen Situation aus Sicht von Landwirten und Tierhaltern“  Ingo Wachtendorf, Vorsitzender des Ortslandvolkes Hude-Vielstedt
  • „Sorgen und Herausforderungen aus Sicht von Schaf- und Ziegenhalter e.V.“ –    Heiko Schmidt, Landes-Schafzuchtverband Weser-Ems e.V.
  • „Der Wolf – eine Begegnung – Augenzeugen berichten“ – Brigitte und Benno Voigt, Spaziergänger und Rentner.
  • „Die Position der Landesjägerschaft sowie Stimmungsbild in der Jägerschaft“ – Helmut Blauth, Vizepräsident der Landesjägerschaf Niedersachsen und stellvertretendeser Vorsitzender der Jägerschaft Oldenburg-Delmenhorst.
  • „Die Arbeit der Wolfsbeauftraften im Landkreis Oldenburg“ – Carsten Sauerwein und Gerhard Frensel, Wolfsbeauftragte im Landkreis Verden.
  • „15 Jahre Erfahrungen aus Sachsen: Bevölkerung, Wild und Wolf“Vanessa Ludwig, Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz.
  • „Der Wolf – Einblicke in das Zusammenleben mit dem neuen Nachbarn“ Frank Faß, Leiter des Wolfcenters Dörverden und Wolfsbeauftragter im Kreis Verden.

 

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Diskussionsrunde im Kreishaus zum Thema Wolf

 

Ingo Wachtendorf:  

Der Landwirt und Ortslandvolkvorsitzende berichtete aus seinem eigenen Betrieb mit Rinderhaltung und –zucht  mit Schwerpunkt in der Freilandhaltung. Kleinflächige Weiden in 15 Tiergruppen würden seiner Meinung nach die Mindestschutzanforderungen nahezu unmöglich machen. Ein Schutzzaun in einer Höhe von einem Meter würden bei einer Gesamtlänge von 20 Kilometern rund 200 000 Euro an Investittionen bedeuten. Das sei nach Aussage des Landwirtes wirtschaftlich nicht leistbar. Auch bemängelte Wachtendorf die Nachweispflicht, die in Niedersachsen gelte und das zum Teil Monate lange Warten, bis einwandfrei festgestellt sei, ob ein Wolf die Tiere gerissen habe.  Außerdem fürchtet er auch die Folgekosten, die  durch ausgebrochene Tiere anfallen können.

 

Heiko Schmidt:

Heiko Schmidt vom Landesverband der Schafzuchtbetriebe und -halter berichtete, dass zwischen 33000 bis 44000 Schafe in Weser-Ems zum Großteil auf 2000 Kilometer Deichlinie gehalten werden. Viele der 300 bis 400 Betriebe  würden im Nebenerwerb  arbeiten. Die Mindestschutzanforderungen würden sich an der Küste und in der Weser-Marsch kaum umsetzen lassen. Auf Deichen wandern Touristen durch die Tierherden. Eine Lösung des Problems sei für diesen Teil der Schafhaltung nicht zu sehen. Am besten würde eine Wolfsfreiheit an Küstendeichen und der Wesermarsch seien, erklärte die Landesverbandsvorsitzenden.

 

Helmut Blauth:

Aus Sicht der Jägerschaft ist der Fall derzeit klar: Der Wolf unterliegt nicht dem Jagdrecht. Erst ab einer sichergestellten Population von 1000 Tieren im Bereich Deutschland/Polen, könne über eine Aufnahme ins Jagdrecht durch politische Entscheidung erfolgen. Der Vizepräsident der Landesjägerschaft Niedersachsen berichtete von unterschiedlichen Meinungen unter den Waidmännern. Einige Jäger seinen der Meinung, der Wolf würde das Wildbret wegfressen und die Bejagung erschweren, weil die Tiere sich umorientieren würden. Andere sind sich sicher, der Wolf würde die Biodiversität sichern und fördern. Die Meinungen seien aber oft von der Betroffenheit abhängig. Blauth verwies zugleich auch auf den Arbeitskreis Wolf der Landesregierung und Wildtiermanagement der Landesjägerschaft.

 

Carsten Sauerwein und Gerhard Frensel:

Als relativ gut aufgestellt sieht Carsten Sauerwein die Wolfsberatung in Niedersachsen und im Landkreis Oldenburg. Neben Sauerwein ist auch Gerhard Frensel im Kreis unterwegs. Beide  erledigen die Arbeit im Ehrenamt und erklärten:  Wenn ein Wolf oder ein Tierriss gesichtet bzw. gefunden wird, sollte möglichst schnell eine Benachrichtigung erfolgen. Das sei auch über die Polizei möglich.  Die Wolfsberater sichern dann den Tatort, nehmen Spurenund  auch DNA-Proben, um Sicherheit zu erlangen, ob wirklich ein Wolf für den Riss verantwortlich sei. Faken, die auch für die Erstattung durch das Land wichtig seinen, meinte Sauerwein. Gleichzeitig erklärte er, dass die Wolfsbeauftragten keine Wolfsexperten seien, sondern durch die Landesjägerschaft geschulte Jäger. Gerhard Frensel erklärte daneben die Dokumentation mit Befund, Beratung, Prävention und Aufklärung. Als Beispiel führte er den Tierriss Anfang Februar in Bargloy an. Wie jetzt bestätigt wurde, ergaben die Untersuchungen,  dass es ein Wolf war, der das Tier riss.

 

Brigitte und Benno Voigt

Noch immer fasziniert sind Brigitte und Benno von der unerwarteten Begegnung mit dem Wolf.  Während eines Spaziergangs mit dem eigenen Cockerspaniel trat der Wolf unvermittelt hinter den Spaziergängern aus dem Dickicht und blieb stehen. Abstand nur vier Meter. Eher ungewöhnlich. „Für uns war das ein Jungtier, das einfach neugierig war“, so Brigitte Voigt. Kaum hatte ihre Mann den Fotoapparat heraus, trollte sich das Tier auch schon wieder. „In etwas weiterem Abstand fing er dann an mit dem Stock zu spielen an und verschwand.“ Das Paar hatte keine Angst, sondern eher Achtung und Respekt. „Wenn ich den Aufwand heute hier sehe, möchte ich lieber noch einmal dem Wolf begegnen“, meinte Benno Voigt mit einem Augenzwinkern.

 

Frank Faß:

Frank Faß vom Wolfscenters in Dörverden kennt die Lebensgewohnheiten der Wildtiere aus eigener Anschauung bestens. Wölfe können bis zu 100 Kilometer ohne weiteres im Stück zurücklegen und zeigen danach keine Ermüdungserscheinungen. Ein Territorium hat 200 bis 300 Quadratkilometer Fläche, je nach Vorkommen der Beutetiere. Hat ein Jungwolf einen Paarungspartner gefunden, werden nach der Ranzzeit im Januar bis März und einer Tragzeit von 63 Tagen bis zu elf Welpen geboren. Jungtiere trennen sich im Alter von ein bis zwei Jahren vom Sozialgefüge Rudel und gründen eine eigene Familie mit einem eigenen Revier.

 

Vanessa Ludwig:

Im Jahr 2000 wurde das erste Wolfsrudel in der Lausitz gesichtet, so Vanessa Ludwig.  Kontaktperson in Wolfsfragen in Sachsen. Vorher hab es keine Erfahrungen mit dem Wildtier gegeben. Man stand dort ganz am Anfang.  Ein Wolfsmanagement wurde erarbeit und verstärkt auf Aufklärungs gesetzt. Das Land richtete einen Topf für Entschädigungszahlen ein und definierte als Voraussetzung Mindestschutzmaßnahmen. Die heute vorkommenden Wölfe seien aus West-Polen eingewandert und würden mit den deutschen Wölfen eine Population bilden. In Niedersachsen bildet das Rudel in Munster die Grundlage. „Wer sich mit dem Wolf intensiv beschäftigte käme bald zur Erkenntnis, dass der Wolf nichts Besonderes ist. Das Wildtier  war lange abwesend und nicht mehr in den Köpfen vorhanden. Er ist ein heimisches Wildtier, an das wir uns wieder gewöhnen müssen“, so Vanessa Ludwig.

 

Wolf-Infoabend-Kreis-Runde-III

Der Vizepräsident des Landesjägerschaft Niedersachsen, Helmut Blauth, hört den Ausführungen von Frank Faß (Wolfscenter Dörverden) zusammen mit Vanessa Ludwig (Kontaktperson für Wolfsfragen in der Lausitz) zu.

 

Fakten und Daten rund um das Wildtier Wolf:

 

Wolfsmonitoring: Die Landesjägerschaft betreibt das Wolfsmonitoring im Auftrag des Umweltministeriums und indirekt des Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). 40 Wolfsbeauftragte in Niedersachsen und die Wolfsbeauftragte der Landesjägerschaft, Die Landesjägerschaft betreibt das Wolfsmonitoring im Auftrag des Umweltministeriums und indirekt des Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). 40 Wolfsbeauftragte in Niedersachsen und die Wolfsbeauftragte der Landesjägerschaft, Dr. rer. nat. Britta Habbe, gehen allen Hinweisen nach. Bei ihnen können Begegnungen und Vorkommnisse wie Tierrisse, Unfälle und gemeldet werden. Darauf werden die Einzelfälle bis ins Detail auch über DNA-Analyse erforscht. Ergebnisse fließen auch in das Wildtiermanagement der Landesjägerschaft ein. Per Internet können Vorkommen, Sichtungen und Risse eingesehen werden.

 

 

Schutzmöglichkeiten für Nutztierhalter: Zum Mindestschutz, der auch vom Land gefördert wird, zählen Maschen-Elektrozäune oder feste Zäune mit mindestens 1,20 Meter Höhe. Alternative Möglichkeiten stellen Herdenschutzhunde dar. Schon vor Jahrtausenden wurden besondere Rassen zum Schutz von Vieh vor Raubtieren eingesetzt. Dazu gehören der Pyrenäen-Berghund in Frankreich, der Komodor und Kuvasz in Ungarn, der Polski Owczarek Podhalanski (Tatrahund) in Polen oder der Maremann-Abruzzese  (Maremma) in Italien. Allerdings:  Die in der Herde lebenden Hunde kosten rund 2000 Euro pro Tier und müssen gepflegt und versorgt werden. Außerdem lassen sie auch Menschen nicht an die Schafe, wenn sie ihnen nicht bekannt sind. Daneben wird das Halten von Eseln in der Herde als weitere Schutzfunktion angegeben.

 

 

Verhalten, wenn man vor einem Wolf steht:  Zunächst einmal Ruhe bewahren ist oberstes Gebot. Langsam den Rückzug antreten. Dabei kann geredet, gerufen oder geklatscht werden. Auf gar keinen Fall rennen. Sich den Ort der Begegnung merken. Meldung an den Wolfsberater machen. Falls möglich ein Foto aus sicherer Entfernung, 20 bis 30 Meter Abstand sind normal, machen. Auf gar keinem Fall dem Wolf folgen.

 

 

Verhalten beim Fund eines toten TieresDen Tatort nicht verändern. Keine Hunde an den Kadaver lassen. Nichts anfassen. Alles absperren. Benachrichtigung an Wolfsberater oder Polizei, bei verletzten Tieren auch den Tierarzt informieren.

 

 

Verbleib des im Landkreis gesichteten WolfesDer vermutete Jungwolf ist vor 14 Tagen wieder zurück zu seinem Ausgangspunkt in der Nähe von Nienburg gewandert Seitdem fehlt jede Spur von dem Tier. Nicht ungewöhnlich für einen jungen Wolf, der auf Wanderschaft geht und das Umfeld erkundet. Der Wolf war Wildeshausen in einer Wohnsiedlung gesichtet worden. Auch das sei nach Meinung der Fachleute durchaus mal möglich. Die Tiere würden sich verlaufen, aber schnell eine Siedlung wieder verlassen. Den Jungwolf verschlug es sogar bis nach Groningen. Von dort kehrte er in einer Schleife wieder zurück zum Ausgangspunkt.

 

 

Nahrungsquellen und Beutetiere von Wölfen:  In Deutschland ernähren sich die Wölfe überwiegend von den drei Schalentierwildarten Rehwild, Rotwild und Schwarzwild. 50 Prozent macht das Rehwild im Speiseplan aus. Gefressen werden aber auch Aas, Früchte, Kleinsäuger. Nutztiere sind bei den Beutetieren mit unter einem Prozent zu finden. Das hätten Erhebungen und Untersuchungen gezeigt, erklärte Frank Faß und weiter  „Es werden sich in Niedersachsen noch mehr Wölfe ansiedeln. Da bin ich mir sicher.“ Gleichwohl sei die Frage, inwieweit eine Steuerung notwendig ist, wie zum Beispiel zur Sicherung der Schafe auf den Deichen.

 

 

Umgang mit auffällige Wölfen: Wenn sich immer wieder Wölfe bis auf wenige Meter dem Menschen nähern oder ausschließlich Nutztiere reißen, müsse gehandelt werden, stellte Frank Faß vom Wolfscenter dar. An erster Stelle stehe das Einfangen, Tragen eines Senderhalsbandes, Wiederauswilderung und Vergrämung. Hilft das alles nichts, müsse eine Entnahme (Abschuss) aus der Natur erfolgen. Ganz wichtig ist auch die Abklärung, warum ein Wolf sich so auffällig verhält. So ging für das Rudel in Munster das Gerücht um, dass Soldaten die Wölfe gefüttert hätten. Eine unbestätigte Vermutung, die aber untersucht wird. Sollte sich der Verdacht bestätigten, muss gehandelt werden.

 

 

Tourismus und WolfsvorkommenAls eindeutig positiv für den Tourismus habe sich das Wolfsvorkommen in der Lausitz herausgestellt, so  Vanessa Ludwig. Ob das begrüßenswert sei, sei damit eine andere Frage.  Es sei zwar nicht belegbar, aber viele wollen sehen, wo die Wölfe heute leben. Es gibt inzwischen den Wolfsradweg, Führungen zu den Hinterlassenschaften der Wildtiere und viel Information. Letzteres bringt auch Aufklärung über das Wolfsvorkommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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